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Hochbegabte und die Liebe

Im heutigen Beitrag geht es um die Besonderheiten in den Beziehungen Hochbegabter und darum, wie Du als Hochbegabte(r) Deine Partnerschaft auf das nächste Level bringst. Bist Du dabei?


Ich freue mich unglaublich, dass mein letzter Beitrag zum Thema Schuldgefühle so positiv bei Dir angekommen ist. Daher habe ich mich dazu entschlossen, heute gleich ein weiteres sehr persönliches Thema anzusprechen: Hochbegabte und die Liebe.


Welche Besonderheiten gibt es in Beziehungen, in denen einer oder sogar beide Partner hochbegabt sind? Wie kann man diesen Besonderheiten begegnen – immer mit dem Ziel, die Lebensqualität und die Qualität der Partnerschaft nachhaltig zu steigern?


Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Hochbegabung auch vor diesem Lebensbereich keinen Halt macht und oft auf subtile, unverständliche Art und Weise dazwischenfunkt. Wenn Du Dich auch hier besser kennenlernst und Dein Verhalten einzuordnen weißt, eröffnen sich ganz neue Perspektiven und einem friedvollen, glücklichen Zusammenleben steht nichts mehr entgegen.


Hör Dir unbedingt auch meine Podcastfolge "Über Beziehungen und das Alleinsein" bei Apple Podcasts oder Spotify an.


Besonderheiten in den Beziehungen Hochbegabter


Den Persönlichkeitsmerkmalen und Erfahrungen Hochbegabter ist es geschuldet, dass eine Reihe von Besonderheiten in Beziehungen vorhanden und zu beachten sind. Nachfolgend habe ich ein paar dieser Besonderheiten übersichtlich für Dich aufgelistet. Zunächst aber sollte man wissen, dass Hochbegabte in Partnerschaften noch mehr als andere Menschen das Grundbedürfnis haben, angenommen und verstanden zu werden. Aufgrund ihrer häufig negativen Erfahrungen im gesellschaftlichen Leben hungern sie nach Liebe genau dessen, was sie wirklich sind. Sie wünschen sich eine Partnerin oder einen Partner, der hinter die Kulissen blickt, sie sein lässt wie sie sind, den „Schatz“ ihrer Persönlichkeit entdeckt und genau diesen zu wertschätzen weiß. Wenn diese Basis, diese tiefe Liebe in der Partnerschaft vorhanden ist, werden nun folgende Themen relevant:


Übermäßige Aktivität der Sinneswahrnehmung


Hochbegabte senden und empfangen auf allen Kanälen viel intensiver als andere Menschen. Aufgrund dessen haben sie auch die Fähigkeit, ihre eigenen Emotionen sehr genau zu reflektieren, Vieles schon vor seinem tatsächlichen Eintritt zu antizipieren und somit steuernd in Geschehnisse eingreifen können. Zudem nehmen sie jegliche Situation und damit verbundene Gefühle sehr viel ausgeprägter wahr.


Dadurch kommt es nicht selten vor, dass Du Deinen Partner durch (unbeabsichtigte) impulsive Reaktionen vor den Kopf stößt.


Herausforderungen


Hochbegabte lieben Herausforderungen. Nicht nur im Job, sondern auch in Partnerschaften. So kommt es oft vor, dass sie ihre möglichen Partner schon vor der Auswahl sehr genau analysieren, um abschätzen zu können, ob diese „Aufgabe“ herausfordernd genug ist. Auch im Beziehungs-Alltag suchen sie ständig nach Dingen, die sie an der Beziehung, an sich selbst oder am Partner optimieren können. Ein Zustand tiefer Zufriedenheit mit dem, was ist, stellt sich nur selten ein.


Wenn Dein Partner nun dieses Bedürfnis nach ständiger Veränderung nicht teilt, kann es Dir schnell langweilig werden.


Rationalisieren


Nicht nur in allen anderen Formen des sozialen Kontakts, sondern auch in Liebesbeziehungen sind Hochbegabte dazu geneigt, sehr stark zu rationalisieren. Nach außen hin scheinen sie oft gefühlskalt, distanziert und sehr „verkopft“, obwohl es in ihrem Inneren vor Emotionen nur so sprudelt. Für den Partner stellt dies eine große Herausforderung dar, da er diese verdrängten und nicht ausgedrückten Gefühle erst einmal zu Tage fördern muss, um anschließend versuchen zu können, sie zu verstehen.


Wenn er sich nun diese Mühe nicht macht, weil er davon überzeugt ist, dass Du Dich schon äußern wirst, wenn Dich etwas stört, fühlst Du Dich nicht gesehen und hast das Gefühl, dass Deine Emotionen für Dein Gegenüber nicht von Relevanz sind.


Elefantengedächtnis


Ein hochbegabtes Gehirn bringt die Fähigkeit mit, eine unfassbar große Anzahl von Details präzise abspeichern und anschließend sehr lange wieder abrufen zu können. Inzwischen ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass Hochbegabte ihr Langzeitgedächtnis häufiger zum Einsatz bringen als Normalbegabte. Alles, was in der Beziehung geschieht, wird also abgespeichert und jedes Mal, wenn eine ähnliche Situation auftritt knüpft das Gehirn direkt an die vergangene Erfahrung an. Spontanes Handeln und die neue, unvoreingenommene Beurteilung von Situationen sind im Kurzzeitgedächtnis verortet und werden von Hochbegabten eher seltener umgesetzt.


Wenn Du das nicht weißt, besteht die Gefahr, dass Du – ohne es absichtlich zu tun und zu verstehen – sehr nachtragend bist und auf Deinen Partner sehr pedantisch und kleinlich wirkst.


Verarbeitungsgeschwindigkeit


Als nicht Hochbegabte(r) ist es häufig anstrengend, den Ausführungen und Gedankensprüngen des Partners aufmerksam folgen zu können und sich ständig auf Neues einzustellen. Besonders wenn der Hochbegabte dann noch beginnt, zwischenzeitlich die Metaperspektive einzunehmen, über sich selbst zu reflektieren, Situationen zu intellektualisieren und zu analysieren wird es kompliziert. Da es für Betroffene aber das Natürlichste auf der Welt ist, so zu denken, haben sie wenig Verständnis dafür, wenn jemand nicht Schritt halten kann.


Vielleicht kennst Du diese unerklärliche Wut, die in Dir hochkocht, wenn Du Dich nicht verstanden fühlst und Dein Partner Dir offensichtlich nicht folgen kann?


Minderwertigkeitskomplexe


Ein Laster, das die meisten aller Hochbegabten mit sich herumtragen, sind starke Minderwertigkeitskomplexe. Zumeist entwickeln sich diese bereits in der Kindheit und werden im weiteren Verlauf des Lebens durch wiederholte „Kollisionen mit der Normalwelt“ verstärkt. Jeder Mensch hat nun eigene Wege, mit diesen Komplexen umzugehen, sofern es ihm nicht gelingt, sie komplett abzulegen. Ein Teil der Hochbegabten neigt dazu, sehr egozentrisch zu werden, der andere Teil verfällt ins Gegenteil: grenzenlosen Altruismus.


Je nachdem, welche Kompensations-Strategie Du für Dich gewählt hast, neigst Du vielleicht entweder dazu, in Deinen Beziehungen die Opfer-Rolle einzunehmen, oder Dein aufgesetztes Selbstbewusstsein ufert in Arroganz und Überheblichkeit aus – beides ist für das Zusammenleben alles andere als förderlich.


Vertrauen


Vertrauen ist eine Tugend, die sich die meisten Hochbegabten sehr mühsam aneignen müssen. Sie hassen es, Dinge dem Zufall zu überlassen und möchten am liebsten in jeglicher Situation über alles und jeden die Kontrolle haben. Gerade in Beziehungen spielt hier natürlich auch das mangelnde Selbstbewusstsein durch vergangene Erfahrungen und den ständigen Vergleich mit anderen mit. Besonders, wenn Menschen erst später im Leben von ihrer Hochbegabung erfahren, hat sich das Gefühl der Unvollständigkeit und des „Nicht Ausreichens“ genügend manifestiert, um sie vollkommen zu vereinnahmen.


Wenn Du nicht beginnst, Dein Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu stärken, wirst Du Deinen Partner womöglich früher oder später durch Deine Kontrolle und Deine Eifersucht verlieren.


Kommunikation


Für Hochbegabte ist es häufig sehr schwierig, all das auszudrücken, was sie umtreibt. Sehr passend finde ich hier ein Zitat aus Jeanne Siaud-Facchin’s Buch „Zu intelligent, um glücklich zu sein?“: „Sprechen bedeutet, diese Gedankenfülle durch einen Engpass zu quetschen.“ Sie wünschen sich daher von ihrem Partner am liebsten eine Art von Verständnis, die keiner großen Worte und Erklärungen bedarf. Besonders der Ausdruck von Emotionen stellt für sie eine große Herausforderung dar, da sie diese in einer Intensität erleben, die schwer in Worte zu fassen ist.


Wenn Du es schaffst, Deine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen und sie so mit Deinem Partner zu teilen, ist euch beiden sehr geholfen. Gehe nicht davon aus, dass Dein Gegenüber doch wissen müsse, was in Dir vorgeht - oft weißt Du es ja selbst nicht.


Stimmungsschwankungen


Die hohe Aktivierungsgeschwindigkeit im Gehirn Hochbegabter und das netzwerkartige Denken führen dazu, dass es häufig zu unvorhersehbaren, abrupten Stimmungswechseln kommt. Diese sind für Betroffene dann auch nicht erklärbar, da sie selbst nicht nachvollziehen können, was sich in ihrem Kopf gerade abspielt. So kann es dazu kommen, dass sie zunächst hellauf begeistert von etwas scheinen und im nächsten Moment tief traurig sind. Dies verursacht auch eine gewisse Wut beim Hochbegabten, da er das Gefühl hat, sich selbst nicht unter Kontrolle zu haben und die Vorgänge in seinem Inneren nicht einordnen zu können.


Wenn Du Dir der Funktionsweise Deines Gehirns bewusst bist, fällt es Dir möglicherweise leichter, etwas nachsichtiger mit Dir selbst zu sein und diese Zustände zu verkürzen.


Perfektionismus


Der ausufernde Perfektionismus Hochbegabter kennt auch in Beziehungen keine Grenzen. Sie haben eine genaue Vorstellung, wie Dinge sein sollen und setzen alles daran, diese auch so in die Realität umzusetzen. Wenn der Partner nun andere Vorstellungen hat, die dem Qualitätsanspruch des Hochbegabten nicht genügen, kann es zu Auseinandersetzungen kommen. Ein großes Handlungsfeld Hochbegabter ist es, die Ansichten und Vorgehensweisen anderer als gleichwertig mit den eigenen zu sehen und auch dem Partner Raum und Freiheit zur Selbstverwirklichung zu lassen.


Kannst Du Dir vorstellen, dass „halb-perfekt“ auch gut genug sein kann? Wenn Du fortwährend versuchst, Deinen Maßstab auf Deinen Partner zu übertragen, wird er sich recht bald unterlegen fühlen und beginnen, mit Dir zu kämpfen.


Nähe


In einer Partnerschaft ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz essentiell. Zur Verarbeitung der vielen Sinneseindrücke und aufgrund der erhöhten Sensibilität Hochbegabter brauchen sie etwas mehr Zeit ganz für sich alleine als andere Menschen. Das zur Ruhe Kommen ist für sie unumgänglich, um Gedanken, Emotionen und andere innere Vorgänge zu sortieren und den Geist zu erholen. Für den Partner ist es manchmal schwierig, dieses extreme Zurückziehen nachzuvollziehen und wenn dies ohne Erklärung geschieht, kann es schnell zu Missverständnissen kommen.


Wenn Du Deine Bedürfnisse klar kommunizierst und Dir die Mühe machst, für Deinen Partner noch die ein oder andere Hintergrundinformation hinzuzufügen, kannst Du die Weichen dafür stellen, dass er das Ganze nicht persönlich nimmt.


Angst


Zweifellos gibt es im Leben eines jeden Menschen Dinge und Situationen, vor denen er Angst hat. Die Besonderheit bei Hochbegabten ist, dass diese Ängste häufig in Verbindung mit sozialen Verbindungen stehen. Sie haben ein sehr starkes Sicherheitsbedürfnis und gleichermaßen große Angst, sich auf niemanden und niemandes Wort verlassen zu können. Sie wünschen sich nicht sehnlicher als Anerkennung und gehen zur gleichen Zeit unglaublich hart mit sich selbst ins Gericht. Sie brauchen einerseits den sozialen Kontakt und haben andererseits große Angst vor ihm, weil sie so anfällig für Verletzungen sind. Diese extremen Gegensätze führen in Partnerschaften häufig zu Unverständnis und vermitteln dem Partner ein Gefühl der Unbeständigkeit.


Ängste können nur in der Dunkelheit existieren. In dem Moment, in dem Du Licht auf sie wirfst und Dir ihrer bewusst wirst, verschwinden sie wie von selbst.


Hinterfragen


Das Gehirn Hochbegabter ist fortlaufend damit beschäftigt, alles und jeden zu hinterfragen und Erklärungen und Lösungen zu finden. Das Meta-Ziel ist hierbei immer, den Sinn des Lebens zu finden und zu verstehen. Dieses kritische Hinterfragen führt nicht nur zu starken Selbstzweifeln und Zweifeln an der ganzen Welt und am Leben, sondern auch zeitweise zu großen Zweifeln am Partner. Sein Verhalten, seine Gewohnheiten, seine Art und die gesamte Beziehung werden ständig sorgfältig durch die Mangel gedreht und immer wieder aufs Neue überprüft.


Mit dieser Eigenschaft, es einfach nie gut sein lassen zu können, kannst Du Deinen Partner leicht verletzen und dazu bringen, dass er die Geduld verliert.


Abweichender Rhythmus


Mit dem schnellen Tempo Hochbegabter mitzuhalten kann eine echte Herausforderung darstellen. Gerade in Partnerschaften kommt es hier häufiger zu Konflikten, da Hochbegabte dazu neigen, ihre eigenen Spielregeln durchsetzen zu wollen und hier auch sehr starrsinnig und unflexibel in ihrem Denken sind. Das Bedürfnis nach Weiterkommen im Leben und die Suche nach Erfüllung spielen eine große Rolle. Wenn der Partner nun einen anderen Rhythmus mitbringt und nicht gleichermaßen energiegeladen und ambitioniert ständig neuen Zielen und Vorhaben hinterherläuft, kann es im schlimmsten Fall passieren, dass er dauerhaft auf der Strecke bleibt und die Beziehung zerbricht.


Ich lade Dich ein, einmal ganz genau zu reflektieren, ob Dein Partner wirklich dauerhaft nicht Schritt halten kann oder ob es möglicherweise angemessen wäre, ab und an den Fuß etwas vom Gas zu nehmen, um die Distanz nicht unüberwindbar werden zu lassen.


Wie Du Deine Partnerschaft auf das nächste Level bringst


Wie andere Hochbegabte hinterfrage auch ich sehr vieles von dem, was in meinem Leben vorgeht und versuche sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart Anhaltspunkte zu identifizieren, die alles ein bisschen schöner und leichter machen. Über die Jahre habe ich einige Erkenntnisse gesammelt, die ich nachfolgend gerne mit Dir teilen möchte.

Ausschlaggebend für eine funktionierende Partnerschaft, in der beide Partner glücklich sind, sind aus meiner Sicht folgende Aspekte:

  1. Du brauchst für Dich selbst ein klares Verständnis der Mechanismen in Deinem Kopf. Nur so kannst Du Deine Gedanken, Gefühle und Handlungen nachvollziehen, die Verantwortung dafür übernehmen und bei Bedarf nachhaltig etwas daran ändern.

  2. Das Treffen klarer Entscheidungen ist unumgänglich. Streiche das Wort „vielleicht“ ab sofort aus Deinem Wortschatz und treffe ausschließlich klare Entscheidungen. Wenn Du sie dann getroffen hast, stehe dazu und sei bereit, wenn nötig Kompromisse einzugehen.

  3. Kommunikation ist das Allheilmittel für alle Beziehungsprobleme. Wenn Du beginnst, Deine Kommunikation zu verbessern, kannst Du nicht nur bereits vorhandene Probleme lösen, sondern ebenfalls gleich vorbeugen, dass keine neuen mehr entstehen.

  4. Arbeite an Deinem Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein und lerne, Dein Anderssein und Deine emotionale Reaktivität positiv zu sehen, anstatt als Charakterschwäche.

  5. Finde das für Dich perfekte Maß an Rückzug und Integration. Wenn Du genügend Zeit mit Dir selbst (ggf. sogar in der Stille) verbringst, gibst Du Dir Zeit zur Regeneration und kannst in die Interaktion mit Deinem Partner neue, frische Energie einbringen.

Wie immer hoffe ich sehr, dass dieser Beitrag Dir ein paar Dinge ins Bewusstsein gerufen hat, die Dir vielleicht vorher noch nicht klar waren. Falls Du meine vergangenen Beiträge noch nicht gelesen hast, lade ich Dich ein, das hier nachzuholen. Ich bin mir sicher, dass Du aus jedem Beitrag mindestens eine wichtige Erkenntnis mitnehmen kannst.


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© FRANZISKA DITTRICH

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